Stoppt den Grünen Knopf – Warum das staatliche Siegel eine Einladung zum Greenwashing ist

 Gastbeitrag von Lars Wittenbrink (gruene wiese Store, ehem. Chefredakteur Grüne Mode Blog)

Hinweise: Vor der Veröffentlichung dieses Textes hat sich der Autor intensiv mit Mitarbeitern des zuständigen Ministeriums (BMZ) sowie der die Geschäftsstelle des Grünen Knopfes leitenden GIZ ausgetauscht. Vom Autor wurden auch ergänzende Vorschläge gemacht, um die Lücken des Ansatzes zu schließen. Eine Weiterentwicklung der Kriterien vor Einführung des Grünen Knopfs wurde gegenüber dem Autor am 02.08.2019 endgültig ausgeschlossen. Zugleich ist der Eindruck entstanden, dass den Mitarbeitern die Unfertigkeit des Konzepts durchaus bewusst ist, aber das Siegel unbedingt möglichst schnell eingeführt werden soll. Der Zeitdruck hinter der Einführung des Siegels scheint dem Autor vor allem in der sich einem möglichen früheren Ende zuneigenden Amtszeit des Ministers Gerd Müller zu liegen, der noch einen Erfolg bei seinen Aktivitäten hinsichtlich der Textilindustrie vorweisen will.
 

Ein staatliches Siegel für faire und nachhaltige Textilien ist eigentlich eine sehr gute Idee. Die privaten Siegel im Textilbereich decken oft nur Teilaspekte ab (ökologische oder soziale, Rohstoffproduktion oder Verarbeitung) und sind nach wie vor recht unbekannt. Ein staatliches Siegel hat das Potential einen wesentlich höheren Bekanntheitsgrad zu erlangen und genießt meist viel Vertrauen. Das gilt z.B. sowohl für den Blauen Engel als auch für das Bio-Siegel auf Lebensmitteln.

Bereits 2014 hat Entwicklungsminister Gerd Müller ein staatliches Textilsiegel angekündigt und wir in der Fair Fashion Szene haben eigentlich schon nicht mehr daran geglaubt. Nun wird es jedoch plötzlich konkret. Schon im September soll es erste Produkte mit dem Grünen Knopf geben. Aber leider ist das Siegel mit bisherigem Konzept keine Hilfe beim Erkennen fairer und nachhaltiger produzierter Mode, sondern eine staatliche Einladung zu Greenwashing und Verbraucherverwirrung.

Das Problem: Wenn die Standards eines solchen Siegels niedrig angesetzt sind, dann heftet das Siegel an Produkten, die den Anspruch wirklicher Fair Fashion deutlich unterschreiten, verleiht diesen Produkten aber zugleich maximale Glaubwürdigkeit, da staatlich geprüft. Der Grüne Knopf soll nun aber erstmal gar nicht vorrangig über eigene Kriterien funktionieren, sondern als sogenanntes Meta-Siegel bereits vorhandene Siegel zusammenfassen. Das klingt zunächst nach einem interessanten Konzept, doch vor allem der gewählte Geltungsbereich sowie die Kriterien zur Zulassung bestehender Siegel bergen große Potentiale für Greenwashing.

Nach gängigem Verständnis ist der Mindestanspruch bei öko-fairer Kleidung die Verwendung von umweltfreundlicheren Fasern (Bio-Baumwolle und andere Naturfasern aus Bioanbau, Recyclingfasern, ökologische Regeneratfasern wie Tencel) und eine faire Konfektion, also gute Mindeststandards beim Nähen der Kleidung. Der Grüne Knopf blendet hingegen die Faserebene komplett aus und betrachtet auf der ökologischen Seite nur das sogenannte Processing. Processing nennt man das Färben sowie das – insbesondere in der konventionellen Industrie übliche – chemische Ausrüsten von Stoffen (damit diese im Laden weicher Fallen, edel schimmern, u.Ä.).
Dieses Processing ist zweifellos von großer ökologischer Bedeutung und ist bei Fair Fashion Produkten sehr oft mitzertifiziert. Allerdings werden eben auch schon bei der konventionellen Fasererzeugung große Mengen giftiger Chemikalien eingesetzt. Beispielsweise im konventionellen Baumwollanbau, wo hochgiftige Pestizide nicht nur Böden belasten, sondern jährlich tausende Erkrankungen und Todesfälle unter Feldarbeiter_innen und Anwohner_innen von Baumwollfeldern verursachen. Dass ein Textil aus einer solchen Faser mit einem Grünen Knopf ausgezeichnet werden kann, ist ein erster unakzeptabler Mangel in diesem Konzept.

Neben konventioneller Baumwolle können natürlich auch alle anderen konventionellen Fasern, wie erdölbasierte Fasern oder zum Teil in der Herstellung ebenfalls sehr umweltschädliche Viskosefasern verwendet werden, wenn es für die Fasern eben keine Regeln gibt. Möglich ist zudem der Einsatz von teflonbasierten Membranen für Funktionskleidung, wodurch das Produkt faktisch zum Sondermüll wird. Und da es hierfür ebenfalls keine strenge Regelung gibt, ist auch der Einsatz von PFC-basierten Imprägnierungen möglich, deren gefährliche hormonelle Auswirkungen auf Organismen sowie die globale Verteilung und sehr langsame Abbaubarkeit in der Natur das zentrale Thema der Greenpeace Detox-Kampagne sind.

Mögliche Produkte mit einem Grünen Knopf wären also das konventionelle Baumwoll-T-Shirt, die konventionelle Viskose-Bluse und auch eine Funktionsjacke mit Gore-Tex-Membran und PFC-basierter Imprägnierung, wenn diese ein Zertifikat für „saubere“ Färbung und Ausrüstung vorweisen können. In Frage kommen hier die Siegel Öko-Tex Made in Green und bluesign, denn auch diese beiden sonst guten Siegel, lassen die Frage des Materials außer Acht. Und während Öko-Tex Made in Green PFCs gut reguliert, sind diese beim für Funktionsjacken sehr verbreiteten bluesign leider nach wie vor ein blinder Fleck.

Alle Produkte, die mit dem Grünen Knopf ausgezeichnet werden, müssen auch soziale Kriterien erfüllen. Das schützt jedoch nicht vor den Lücken auf der ökologischen Seite, denn Beispiele für fair genähte, aber zugleich sehr umweltschädliche Textilien gibt es jede Menge auf dem Markt.

Noch ärgerlicher ist, dass es auch auf der Seite der sozialen Standards eine sehr große Lücke gibt. Eine Produktion in Europa soll nämlich ohne weitere Kontrolle durch Dritte generell als „fair“ anerkannt werden. Dass es jedoch in Ländern wie Rumänien und Bulgarien systemische Probleme mit Mindeststandards und sogar Zwangsarbeit gibt, zeigen immer wieder Untersuchungen der Kampagne für Saubere Kleidung, die sich weltweit für bessere Arbeitsbedungen in der Textilproduktion einsetzt.

Auch darüber hinaus ist die Kampagne für saubere Kleidung (Clean Cloth Campaign, CCC) mit dem Konzept des Grünen Knopfs nicht einverstanden. Wie wir wünscht sie sich zudem vor allem gesetzliche Maßnahmen, die die Textilbranche insgesamt zu Verbesserungen zwingt und nicht auf Freiwilligkeit beruhen. Die vollständige Stellungnahme der CCC findet ihr hier.

Die bisher genannten Lücken ermöglichen, dass Produkte mit dem Grünen Knopf ausgezeichnet werden können, die weder fair hergestellt wurden, noch umweltfreundlich sind. Es gibt jedoch auch eine Lücke in die andere Richtung, die es erschwert, dass eine Gruppe von besonders umweltfreundlichen Produkten mit vertretbarem Aufwand einen Grünen Knopf bekommen kann.
Bisher gibt es am Markt nahezu keine Processing-zertifizierten Stoffe aus den noch recht neuen ökologischen Regeneratfasern wie Tencel, EcoVero und Modal Edelweiß, die von fast allen Fair Fashion Labels in der Damenmode und zunehmen auch bei Herrenmode eingesetzt werden. Da der Grüne Knopf vorrangig auf anderen Siegeln basiert, wird es sehr aufwendig, ihn für Styles aus solchen Materialien zu bekommen. Gerade besonders umweltfreundliche Produkte werden also trotz zugleich fairer Herstellung in der Regel keinen Grünen Knopf tragen.

Das Entwicklungsministerium gibt an die Faserebene und weitere Vorstufen zu einem unbestimmten späteren Zeitpunkt ergänzen zu wollen, aber ob das jemals wirklich geschieht ist ungewiss. Zudem ist die von dem Grünen Knopf in der derzeitigen Fassung ausgehende Verbraucherverwirrung auch für einen Zeitraum von 1 oder 2 Jahren unverantwortlich und einmal gelernte „Wahrheiten“ über „gute“ und „schlechte“ Textilien sind nur sehr schwer und langwierig wieder zu korrigieren.

FAZIT
Wir glauben weiterhin, dass ein staatliches Metasiegel geeignet wäre, um nachhaltige Mode erkennbarer und damit sichtbarer zu machen. Bei der bisherigen Konzeption sehen wir hingegen keinen Nutzen und dafür große Gefahren. Der Grüne Knopf ist so nicht geeignet das Erkennen und Unterscheiden von fairen und nachhaltigeren gegenüber objektiv umweltschädlichen Produkten zu erleichtern. Im Gegenteil, es wird erheblich erschwert.

Deshalb fordern wir Entwicklungsminister Müller auf: Stoppen Sie die überstürzte Einführung des Grünen Knopfs. Bessern Sie nach und nehmen Sie sich dafür die notwendige Zeit. Wir helfen Ihnen gerne dabei.

2 Kommentare

  1. Sehr schwacher Kommentar, der sich selbst widerspricht
    Wenn es für Fasern „keine Regeln“ gibt, dann gilt das auch für die drei stark promoteten Lenzingfasern.
    Aus unserer Sicht ist der Kommentar nicht nur an dieser Stelle, sondern generell schlecht recherchiert und durchdacht

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    1. Hallo Roland,

      ehrlich gesagt glaube ich du hast mein Statement an dieser Stelle nur anders verstanden, als ich es gemeint habe. Das Problem ist nicht die Zulassung der Faser an sich, da die Fasern wie ich ja selbst schreibe gar nicht betrachtet werden. Das Problem ist, dass es Flächen aus diesen Fasern am Markt so gut wie nicht mit einem der geforderten Processing-Zertifikate zu kaufen gibt und viele Labels kaufen nunmal fertige zertifizierte Stoffe und lassen diese nicht erst nochmal selbst zertifizieren. GOTS ist ja bei 100% Regeneratfaser per se ausgeschlossen. bluesign oder Öko-Tex Made in Green auf Tencel/Ecovero/Modal-Stoffen laut verschiedener Fair Fashion Labels so gut wie nicht am Markt zu finden, auch wenn dies theoretisch möglich wäre.

      Deutlich leichter sind frisches Polyester oder Nylon, konventionelle Naturfaserstoffe und konventionelle Viskosen mit einem dieser Processing-Zertifikate zu finden. Daher ist es deutlich einfacher möglich, Produkte aus solchen konventionellen Fasern mit dem Grünen Knopf auszuzeichnen.

      Da es sich um einen einzigen Absatz in einem recht langen Text handelt, kann ich ehrlich gesagt kein starkes Promoten erkennen.

      Schildere gerne deine Bedenken auch an anderen Aussagen. Bisher konnte ich trotz großem Bemühen niemanden finden, der die Existenz dieser Greenwashinggefahren wiederlegen konnte. Und ich würde mich wirklich freuen, wenn ich da falsch läge. Ich liefere hier mal gleich noch eine erweiterte Problemlage, die ich zur Reduzierung der Komplexität oben ausgelassen habe.

      Schon jetzt ist absehbar, dass bei Hinzunahme der Faserebene nach der Pilotphase wohl BCI Cotton und CmiA erlaubt werden. Dies ist bereits in den Produktkriterien Anlage 2 so angelegt und auch Vertreter*innen des IVN gehen schon davon aus, dass es so kommen wird. Da BCI Cotton und CmiA zum Marktpreis konventioneller Baumwolle gehandelt werden, wollen IKEA, h&m, Tchibo und C&A schon 2020 nur noch „nachhaltige Baumwolle“ anbieten. Darunter fassen sie BCI, CmiA, Bio-Baumwolle und recycelte Baumwolle zusammen. Den Löwenanteil macht bei allen BCI und/oder CmiA aus, da dies quasi keine Mehrkosten verursacht. Lassen sie nun noch ihre Teile nach Öko-Tex Made in Green produzieren, wäre ihr gesamtes Baumwollsortiment für den Grünen Knopf qualifiziert, obwohl es weit weg von bisherigen Vorstellungen von nachhaltigen Textilien ist.

      Eigentlich kann niemand der ein anspruchsvolles Verständnis von nachhaltiger Mode auf dem Level von GOTS vertritt wollen, dass ein staatliches Siegel dies auf eine Stufe stellt mit BCI/CmiA Cotton plus Öko-Tex Made in Green.

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